Tradition des Jüdischen Lehrhauses

Die Institution des „Bet Midrasch„, des Lehrhauses, geht bis ins 2. Jhd. v.u.Z. zurück. Ihre Anfänge fand sie wohl noch früher, in der Zeit des babylonischen Exils: Lehrhaus und Bethaus, Bet Midrasch und Synagoge entstanden zeitgleich nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. „Lernen“ gewinnt angesichts der Katastrophe des Exils zentrale Bedeutung für die jüdische Identität und bleibt das Grunddatum jüdischer Existenz. Jenseits von profanen Bildungsbemühungen ist es selbst Gottesdienst: alleine und gemeinsam die Weisung des Ewigen zu aktuieren, die wortgewordene Heimat jüdischen Lebens für die jeweilige Gegenwart zu buchstabieren und aus ihr heraus die Zukunft zu gestalten. Auf die sich neu stellenden Fragen Antworten zu finden – und die alten Antworten neu zu verstehen.
In dieser langen Tradition der Lehrhäuser, der ‚jüdischen Erwachsenenbildung‘, stand das 1919 gegründete Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt a.M. Es entstand in der ganz besonderen Situation des noch jungen 20. Jahrhunderts: Pädagogische Reformbestrebungen einerseits und die jüdische Akkulturation andererseits bilden die Klammer um dieses Projekt Franz Rosenzweigs, das bewusst an die Tradition der jüdischen Lehrhäuser anknüpft und seine Freiheit und Unabhängigkeit proklamiert. Identitätsstiftung angesichts der verwischenden jüdischen Profile in der deutschen Mehrheitsgesellschaft soll es gewährleisten. In den alten Texten der jüdischen Tradition die „alten Antworten auf die neuen Fragen“, die sich angesichts der Moderne stellen, finden. Den von dieser Tradition entfremdeten Juden helfen, darin wieder Heimat zu nehmen. „Das Jüdische“ im Geiste Franz Rosenzweigs ist nicht ein bestimmter Inhalt, es ist „Methode“, der Prozess der Auseinandersetzung im Dialog – miteinander und mit den Texten.

1926 schloß das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt seine Tore. Im gleichen Jahr entstand nach seinem Vorbild das Jüdische Lehrhaus in Stuttgart – bereits in der Perspektive des noch jungen interreligiösen Dialogs. 1933 wird das Jüdische Lehrhaus Frankfurt unter der Leitung von Martin Buber neu eröffnet: In der immer feindlicher werdenden Umwelt des nationalsozialistischen Deutschland übernimmt es die Aufgabe Menschen im geistigen Widerstand zu stärken – und sie zu befähigen, ihre Existenz zu retten. In ganz Deutschland gründeten sich Lehrhäuser, Emigranten trugen die Lehrhaus-Idee in die ganze Welt.

Mit dem Terror der Reichprogromnächte 1938 wurde das jüdische Leben in ganz Deutschland getötet und damit auch die Arbeit der Lehrhäuser unmöglich.

1951 gründet sich in Zürich ein Lehrhaus nach dem Frankfurter Konzept Franz Rosenzweigs, auch in Deutschland knüpfen seit den 1980er Jahren immer wieder Lehrhäuser an die Idee des Freien Jüdischen Lehrhauses der 1920er Jahre an.

Jüdische Erwachsenenbildung ist noch immer dialogisches Lernen in der Begegnung der Menschen untereinander und mit den Texten der jüdischen Tradition. Und sie ist heute ein wichtiger Akteur im interreligiösen und interkulturellen Dialog – nicht zuletzt als Reaktion auf die veränderte Situation der jüdischen Gemeinden nach 1990 und auf die „neuen Fragen“, die sich durch die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse auch für Christen und Muslime stellen. Damit stehen die Lehrhäuser heute – und auch das Jüdische Lehrhaus Bamberg – in der lebendigen und kraftvollen Verpflichtung auf die neuen Fragen die alten Antworten neu zu verstehen.

Zum Weiterlesen:

Schulz-Grave, Isabell (Hrsg.) 1998: Lernen im freien jüdischen Lehrhaus

Stör, Martin (2005): Das jüdische Lehrhaus. Eine protestantische Wahrnehmung

Volkmann, Michael (2010): Das Jüdische Lehrhaus in Geschichte und Gegenwart