Ist Jesus wirklich für alle gestorben?

Das Jüdische Lehrhaus Bamberg gibt sich in seinem sechsten Jahr streitbar – und stößt dabei auf großes Interesse: Mehr als 30 Personen ließen sich am 06.11.2014 auf das theologische Streitgespräch zwischen Dr. Jürgen Bründl und Dr. Susanne Talabardon ein. Eine spannende Frage, „Ist Jesus wirklich für alle gestorben?“ stand im Raum – und gewisser Weise auch zwischen den Streitpartnern: Dr. Bründl, der als katholischer Systematiker an diesem Lehrhausabend die christlichen Traditionen verkörperte und Dr. Talabardon, die als Judaistin eben diese Position kritisch anfragt und die jüdischen Perspektiven ins Spiel bringt.

Nun ist bei diesen beiden Theologen nicht wirklich mit einer Auseinandersetzung ‚bis aufs Messer‘ zu rechnen – wohl aber mit einem Streit im besten Sinne des Wortes: ein gemeinsames Ringen um gegenseitiges Verstehen, um Klarheit in den unterschiedlichen Positionen und die lustvolle Wertschätzung der Verschiedenheit. Und in diesem Streit, der in der Tat Frieden und Begegnung verwirklicht, konnte das Publikum nicht nur begeistert und staunend lauschen, sondern sich auch immer wieder einbringen, mitstreiten – und damit mit-klären und vielleicht auch eine eigene Position zur Frage „Ist Jesus wirklich für alle gestorben?“ finden.

Er ist wie ein Trieb vor ihm aufgeschossen und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten. Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet. Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. (Jes 53, 2-5)

Ausgehend vom Vierten Gottesknechtlied (Jes 53) entwirft Talabardon zunächst das Konzept des Stellvertretenden Sühnetods – und weist auf die Vereinnahmung dieses Gottesknechts, „der unsere Leiden getragen hat“ durch die christliche Tradition hin: Jesus sei der Gottesknecht, der für die Sünden der Welt, eben für die Erlösung aller, gestorben sei. Und das wiederum sei auf Grundlage dieses Jesajatextes mehr als fragwürdig.

Das war die erste Basis, auf der sich die beiden Diskutanten trafen: Jesus kommt im Alten Testament nicht vor – und dennoch ist diese Deutung des Textes traditionsbildend: In den christlichen Gemeinden wurde er sehr früh so gelesen und auf Jesus den Christus hin gedeutet.

Um die kirchliche Satisfaktionslehre, also der Teil der christlichen Erlösungslehre, die den Tod Jesu als heilsnotwendiges Sühneopfer sieht, in ihrem guten Entstehungsgrund – und ihrer Entstehungszeit – verständlich zu machen, kontextualisierte Brüdel die theologische Denkweise Anselms von Canterbury in der Ständegesellschaft des Mittelalters:

Was tun, wenn ein Niederer einen Höheren beleidigt hat? Das kann durch ihn selbst nicht wieder gut gemacht werden – Wenn also ein Mensch Gott wirklich beleidigt haben sollte – der Mensch kann das nicht mehr gut machten, das muss Gott selbst tun. Und deshalb ist Gott in Jesus, dem Christus, Mensch geworden, um als Mensch die Sünde des Menschen gegen Gott wieder auszugleichen.

Dieser juridische Rahmen einer in ihrer Zeit „genialen theologischen Denkfigur“ bleib den christlichen Traditionen (leider – möchte man hinzufügen) und verlor dadurch seinen stimmigen Kontext.

In einer überraschenden Aktualisierung legt Bründl nahezu beiläufig seine Antwort auf die zweite Frage des Abends: „Wer wird wovon und wozu erlöst?“ vor: Die Menschwerdung Gottes – und hier kann die Denkfigur eines Stellvertretenden Leidens mitgedacht werden – befreit den Menschen zu seinem Menschsein, zu sich selbst und seiner Berufung. Dort wo der Mensch unvertretbar alleine ist, im Sterben und im Tod, da lasse sich Gott finden. Ernstgenommene Theologie der Menschwerdung provoziert zur Solidarität – und zu einer verantwortlichen Bearbeitung überindividueller Schuldzusammenhänge.

Und auch wenn es – zumindest für Nicht-Fußballbegeisterte merkwürdig klingt, trifft schlussendlich die Frage, wie mit einem vergebenen Champions-League-Elfmeter durch Arjen Robben verantwortlich, menschenwürdig umgegangen werden kann, in den Kern der Thematik:

Wie ist der noch zu retten, der definitiv etwas verbockt hat – und das Resultat seines Handelns auch definitiv nicht mehr verändern kann? Wie ist mit einem solchen Menschen umzugehen?

Das wendet die akademischen Fragen – die wohl ziemlich mit ihrer Relevanz in der Wirklichkeit zu schaffen haben – in genau diese Wirklichkeit, in den tatsächlichen Kontakt von Menschen, in die Entscheidungssituationen und die kritischen Momente des Lebens. Und urplötzlich wird aus dem theologischen Streitgespräch ein intensives Nachdenken, ein sich Einklinken, ein durchaus persönliches Reflektieren des Publikums – bei dem sich immer wieder das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter einflechtet: Was ist denn mit denen, die vorbei gegangen sind? Und wesentlicher: Was ist denn mit dem, der da halb tot am Boden liegt?

Schaut die juridische Sicht auf die „notwendige“ Strafe für die, die den Verletzten hilflos haben liegen lassen (und entsprechend, auf den Lohn für den Helfenden) – so wendet sich Bründls Denkansatz dem zu, der am Boden liegt, der in seinem Menschsein zutiefst bedroht und auf die Solidarität der Menschen und der Menschheit angewiesen ist.

Und hier schließt sich der dritte Schwerpunkt des Abends an: Die Verschiedenheit von Judentum und Christentum in ihrem kollektiven bzw. individuellen Verständnis von Erlösung und Verantwortlichkeit, schließlich auch den unterschiedlichen Identitätskonzepten von Christ/innen und Jüd/innen: Muss der Mensch individuell von der Sünde erlöst werden – oder die Welt vom Elend? Welche mission gilt aus diesem Verständnis heraus dem Menschen: Geht es um das Individuum, das in seiner Einzigartigkeit vor Gott steht – so die christliche Perspektive, oder gibt es die gemeinsame Aufgabe aller, was etwa die kabbalistische Tradition mit Tikun Olam beschreibt: das Zusammensammeln der zersprengten Teile zu einem Weltganzen, in dem die Herrlichkeit des Ewigen wieder scheinen kann. Und auch: Geht es um ‚Sünde‘ oder um konkrete Schuld?

Deutlich wurde zum Ende dieses Abends vor allem, dass dieses trennende und abgrenzende „oder“ notwendig ist zur Identitätsbildung der jeweiligen Religionsgemeinschaft und ihrer Mitglieder, dass in ihrem konkreten Handlungsbezug jedoch ebensogut ein „und“ die scheinbaren Gegensätze verbinden kann. Denn:

Religion ist Weltloyalität.

Dass es an diesem Abend nicht zu einer Diskussion über das unerfreuliche Thema Judenmission kam, ist nicht nur der lebhaften und engagierten Diskussion aller Anwesenden zu verdanken: In einem Streitgespräch dieser Art ist es einfach kein Thema.